Stiftung Wendepunkt, Job nach 20 Jahren

Job nach 20 Jahren

In einem Alter, in dem andere an Frühpensionierung denken, schreibt Vjekoslav Stuban Bewerbung um Bewerbung. 13 Jahre erwerbslos. Die Aussicht ist düster. Doch ein externer Einsatz macht das schier Unmögliche möglich: Der 58-Jährige kehrt zurück in den Arbeitsmarkt!

Im Logistikbereich Warenausgang der Firma Steffen AG (1) in Spreitenbach herrscht Hochbetrieb. Mittendrin: Vjekoslav Stuban. Er verpackt gerade Elektroware für einen Kunden, wägt das Paket und notiert die Versandart – Post oder DPD. Danach vervollständigt er am Computer den Lieferschein, druckt diesen inklusive Adressetikette aus und klebt die adressierte Dokumententasche mit eingelegtem Lieferschein aufs Paket. Je nach Paketgrösse wird noch das Umreifungsband befestigt, bevor es auf eine Palette für den Transport kommt.

«Herr Stuban ist ein angenehmer Typ, macht einen guten Job und hat trotz langer Arbeitslosigkeit seine Motivation nicht verloren.» Marcel Gross, zuständig für die Gesamtlogistik der Steffen AG

Externer Einsatz
Vjekoslav Stuban arbeitet seit Juni 2019 hier. Zuerst war es ein dreimonatiger Einsatz (2) mit dem Ziel: Anstellung. Er durchläuft das Qualifikationsverfahren, wird auf Herz und Nieren geprüft. Ende 2019 entscheidet sich das Team für Stuban. «Er ist ein angenehmer Typ, macht einen guten Job und hat trotz langer Stellenlosigkeit seine Motivation nicht verloren», begründet Marcel Gross, zuständig für die Gesamtlogistik, die Wahl. Vjekoslav Stuban hat es endlich geschafft!

Mit der soeben verpackten Ware geht Vjekoslav Stuban wie folgt vor: 1. Das Paket wird gleich gewogen und …

2. … Gewicht und Versandart werden auf dem Lieferschein notiert.

3. Via Lieferschein den Kunden im System suchen, den Lieferschein vervollständigen und zusammen mit der Adressetikette ausdrucken.

4. Die Adressetikette auf die Dokumententasche aufkleben, Lieferschein falten und in die Tasche legen.

5. Die Dokumententasche aufs Paket kleben.

6. Je nach Grösse des Pakets das Umreifungsband montieren.

7. Danach kommt das Paket auf die Palette für den Transport.

Zwischenkapitel
Wer dem 58-Jährigen begegnet, versteht die lange Arbeitsmarkt-Abwesenheit nicht so recht. Einer wie Stuban sollte doch locker eine Stelle bekommen. Was ist passiert? Der gelernte Werkzeugmaschinist und spätere Anlageberater verliert innerhalb weniger Jahre zweimal den Job. Gründe: Umstrukturierung der einen, Konkurs der anderen Firma. Trotz vieler Bewerbungen – keine Stelle in Sicht. «Wenn ihr nicht wollt, will ich auch nicht mehr», sagt er sich. Kurz darauf verliert er die Wohnung und allmählich auch seinen Arbeitswillen. Vjekoslav Stuban steht buchstäblich auf der Strasse und lebt fortan von Almosen. Erst als sein Vater im Sterben liegt, kehrt der «verlorene Sohn» zurück zu Mutter und Bruder.

Türen gehen auf
Das Leben in der Normalität fällt ihm schwer. Nach einem Jahr gibt er sich einen Ruck und geht aufs Sozialamt. Die Sozialhilfe wird ihm zwar bewilligt, punkto Jobzukunft wird ihm jedoch wenig Hoffnung prognostiziert: 13 Jahre Arbeitslosigkeit schrecken jeden Chef ab!
Drei Monate später: Vjekoslav Stuban erhält von seiner Wohngemeinde die Möglichkeit, an einem Programm der Stiftung Wendepunkt teilzunehmen. Er müsse sich aber selber darum bemühen, heisst es. Gesagt, getan. So kommt es, dass Stuban 2014 zu 80 Prozent im Bereich Allround Service in Wettingen arbeitet. Seinen freien Tag nutzt er für die Stellensuche. Ohne Erfolg! Ob er wohl im Wendepunkt in Pension gehen wird? Doch dank des Einsatzes von Wendepunkt-Fachpersonen bewilligt ihm die Gemeinde ein Job Coaching. Hoffnung keimt auf, als der Wendepunkt Job Coach ihm im Juni 2019 einen dreimonatigen externen Einsatz bei der Steffen AG vermittelt ... 

«Ich geniesse die Situation, wie sie jetzt ist: Auf eigenen Beinen zu stehen und eigenständig zu sein." Vjekoslav Stuban

Auch in dieser unsicheren und herausfordernden Zeit seit März diesen Jahres unterstützt Vjekoslav Stuban das Steffen-Team weiterhin tatkräftig und hat Freude bei der Arbeit. Rückblickend möchte er keinen seiner Lebensabschnitte missen. In jedem einzelnen davon hat er gelernt. Bis zu seiner Pensionierung bleiben noch sieben Jahre. Hat er irgendwelche Ziele? Er denkt nach: «Millionär möchte ich nicht mehr werden (lacht). Nein, ich geniesse die Situation, wie sie jetzt ist: Auf eigenen Beinen zu stehen und eigenständig zu sein!»

__________________________

Textvermerke

(1) Die Steffen AG in Spreitenbach, gegründet 1963, lagert heute auf 6'000 Palettenplätzen rund 12'000 verschiedene Elektroartikel, darunter viele Eigen- und Spezialprodukte. Der Familienbetrieb beschäftigt rund 75 Mitarbeitende. Viele soziale Institutionen, auch die Stiftung Wendepunkt, werden seit Jahren mit Arbeiten bedient. steffen.ch

(2) Externe Einsätze in Firmen – eine Win-win-Situation: Unternehmen können Arbeitnehmende auf ihre Eignung prüfen; im Einsatz stehende Personen können sich praktische Arbeitserfahrungen aneignen und ihre Chance auf eine Arbeitsstelle erhöhen.

Stiftung Wendepunkt, Regine Frey-Eichenberger

Regine Frey-Eichenberger

Autorin