Wendepunkt Martin Neuenschwander

Drei Porträts aus zwei Generationen

Die Stiftung feiert ihr 25-jähriges Bestehen. 200 Mitarbeitende zählt heute das Unternehmen. Davon sind hier drei porträtiert: Martin Neuenschwander, Urgestein, sowie Eva Prim und Jonathan Josi, Newcomer im Wendepunkt.

Der Schrank in seinem Büro. Mit einem durchdachten Ablagesystem: Pläne, Kalkulationen, Kataloge, Skizzen, Verträge – fein säuberlich aufbewahrt. Zeitzeugen von vierundzwanzig Wendepunktjahren. Januar 1994. Martin Neuenschwander (56), Schreinermeister und Betriebsleiter eines Ladeninnenausbaubetriebs, wechselt Branche und Funktion, lässt sich bei der Stiftung Wendepunkt als technischer Leiter anstellen. Gesucht ist eine starke, belastbare Persönlichkeit, ein Organisationstalent mit Pioniergeist. Das ist er. Künftig nun verantwortlich für den reibungslosen Ablauf von Bauprojekten. Das Unternehmen wächst. Der technische Leiter wird Betriebsleiter des Standorts Oftringen, managt zudem interne Umbauten und alle Beschaffungen. 2004 entschliesst er sich, «back to the roots» zu gehen – zurück zum technischen Leiter also! Der Kreis schliesst sich.

Leidenschaftlich unterwegs In den Anfangszeiten ist Martin Neuenschwander mit eigenem Werkzeug und Auto im Einsatz. Heute schaut er zufrieden auf sein grösstes Highlight, den Umbau des Betriebsgebäudes in Muhen. Oberstes Gebot für ihn seit jeher: gute Rahmenbedingungen zur Verfügung stellen, damit Klientinnen und Klienten gefördert werden und Mitarbeitende den Auftrag erfüllen können. Fürsorglich wie über seine eigenen Schafe und Pferde wacht er über stiftungseigene und gemietete Immobilien. Ein Hirte – durch und durch. Oft zu Fuss unterwegs, im Einklang mit Natur und Tier. Martin Neuenschwander, Ehemann und Vater dreier erwachsener Kinder. Dankbar für die vergangenen 24 Jahre. Dankbar für seine Frau, die ihn in all seinem Tun unterstützt. Dankbar für den Hirten über ihm, der ihn leitet und führt. Was er seinem Arbeitgeber zu dessen 25-jährigem Bestehen mitgibt? Martin Neuenschwander denkt nach: «Nicht stehen bleiben; sich weiterhin für Menschen einsetzen. Das lohnt sich», und fügt an: «Wenn du dich verschenkst, wirst du reich, reich beschenkt. Das habe ich oft erlebt.»

Säumerpfad Martin Neuenschwander

Martin Neuenschwander unterwegs auf einem Säumerpfad in Begleitung seines Pferdes als Lastenträger

WUMA Eva Prim

Eva Prim Sozialpädagogin und Co-Leitende des WUMA

WUMA Jonathan Josi

Jonathan Josi, Co-Leitender, im Gespräch mit einem seiner «Schützlinge»

Als Co-Leitende im WUMA Turn- und Wanderschuhe zieren einige Fenstersimse des rötlichen Backsteinhauses. Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren kommen aus der Eingangstür, setzen sich ihre Kopfhörer ein, schwingen sich aufs Velo oder gehen zu Fuss. Es ist kurz nach 13 Uhr. Zeit zur Schule zu gehen. Wer an der Weihermattstrasse in Aarau wohnt, ist ohne Eltern aus dem Herkunftsland geflohen. Neun Mädchen und dreissig Jungs sind hier vorübergehend zu Hause. 39 Menschen. Jeder mit seiner Geschichte, jeder mit der Hoffnung im Herzen, in der Schweiz heimisch zu werden und seine Zukunft aufzubauen. 

«Wie über seine eigenen Schafe und Pferde wacht er über stiftungseigene und gemietete Immobilien. Ein Hirte durch und durch.»

Eva Prim (31) und Jonathan Josi (32) leiten zusammen mit dem elfköpfigen Team, Praktikanten, Zivildienstleistenden und Freiwilligen das Wohnheim für unbegleitete minderjährige Asylsuchende, kurz «WUMA». Die Co-Leitung entspricht ihnen: sich austauschen, ergänzen und unterstützen. Trotz zugeteilten Verantwortungsbereichen und Administrativem für die Jugendlichen auch während der Bürozeit ein offenes Ohr haben, mit ihnen und dem Team arbeiten. Alles Gründe, weshalb sich die beiden 2015 auf eine Stelle im WUMA beworben haben.

Interessiert an Interkulturellem Zuvor sind die Co-Leitenden in unterschiedlichen Bereichen tätig gewesen: Eva Prim – stets interessiert an Migrations-, Asyl- und interkulturellen Themen – hat als Sozialpädagogin in einem Kinderheim für Kleinkinder gearbeitet. Während der Ausbildung hat sie sich vertiefter mit oben erwähnter Thematik auseinandergesetzt. Was es bedeutet, in einem solchen Kontext zu arbeiten, hat sie aber erst im WUMA gelernt. Jonathan Josi hingegen hat während zweier Jahren einen Literaturverlag in Äthiopien aufgebaut. Ob er dank dieser Erfahrung manchmal als Kulturvermittler im Heim eingesetzt wird? «Nicht wirklich», meint er, «denn im Team arbeiten auch Mitarbeitende, die ursprünglich aus Afghanistan, Eritrea, Syrien und Kenia kommen.» Das sei ein grosser Vorteil, kann man sich in gewissen Situationen bei Kulturkennern «rückversichern». Punkto Sauberkeit sei er durch diesen Aufenthalt sicher toleranter geworden. Was er auch gelernt habe, dass sich grüssen, verbunden mit einem Lächeln, für Eritreer und Somalier sehr wichtig sei. Etwas Kleines zwar, das mit wenig Aufwand im WUMA-Alltag Grosses bewirkt.

«Witwen und Waisen werden in der Bibel als besonders unterstützenswerte Gruppe erwähnt. Deshalb ist es uns beiden eine Ehre, im WUMA zu arbeiten.»

Eine Ehre, im WUMA zu arbeiten Bei Herausforderndem schöpfen die Co-Leitenden Kraft und Motivation aus ihrer täglichen Arbeit: Wenn Jugendliche nach ein paar Monaten Fuss fassen und stabiler werden; wenn sie das WUMA mit einer guten Anschlusslösung, vielleicht sogar einer Praktikums- oder Lehrstelle verlassen oder wenn sie wieder auf Besuch kommen. Witwen und Waisen werden in der Bibel als besonders unterstützenswerte Gruppe erwähnt. Von daher ist es für die beiden Leitenden eine Ehre, hier zu arbeiten und sich einzusetzen. Auch wenn sie erst gut zwei Jahre zum Wendepunkt gehören, spüren sie die Dynamik und den Mut, im Vertrauen auf Gott, Neues zu wagen. Das WUMA zeugt davon und schreibt mit an der Geschichte des Unternehmens. 

Stiftung Wendepunkt, Regine Frey-Eichenberger

Regine Frey-Eichenberger

Autorin