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Benjamin Giezendanner gibt Auskunft

Im Interview unterstreicht Grossrat Benjamin Giezendanner den ursprünglichen Gedanken des zweiten Arbeitsmarktes - die Wiedereingliederung. Gleichzeitig ortet er gefährliche Tendenzen, welche diesem Grundgedanken zuwiderlaufen.

Herr Giezendanner, als Grossratspräsident waren Sie 2017 der höchste Aargauer. War es Ihnen möglich, Ihre persönlichen Ziele im Ratsbetrieb umzusetzen? Als primäres Ziel habe ich den mir verfassungsmässig zugeteilten Auftrag bezüglich der Führung des Ratsbetriebes gesetzt. Ich wollte die Sitzungen grossmehrheitlich mit Witz und Charme sowie situativ mit Disziplin führen, was mir glücklicherweise durch alle Sitzungstage gelang.

Sie sind kürzlich zum zweiten Mal Vater geworden. Wie bringen Sie Familie, Politik und Unternehmen unter einen Hut? Welche Prioritäten sind Ihnen dabei wichtig? Vor meinem Amtsjahr war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass ich mit unserer Tochter Sophia jeden Samstag etwas unternahm, was meiner Frau etwas Freiraum verschaffte. Leider musste ich diese Tradition während dem Amtsjahr aufgrund der zahlreichen Anlässe brechen und möchte diese schnellstmöglich wieder einführen.

Das Engagement der Stiftung Wendepunkt ist sehr begrüssenswert, insbesondere bewundere ich die Leidenschaft der Mitarbeitenden.

Sie plädieren für mehr Eigenverantwortung und weniger Staat? Wie beurteilen Sie unter diesem Blickwinkel das subventionierte Engagement zur Arbeitsintegration? Der ursprüngliche Gedanke des zweiten Arbeitsmarktes ist mit der Grundhaltung „mehr Eigenverantwortung und weniger Staat“ durchaus vereinbar. Ein bestimmtes Segment des sekundären Arbeitsmarktes soll Menschen, die den harten, wettbewerbsgetriebenen Anforderungen der Wirtschaft aufgrund eines Handicaps nicht genügen können, eine sinnvolle und erfüllende Aufgabe vermitteln.

Jedoch beurteile ich ein anderes Segment der arbeitsmarktlichen Integration als brandgefährlich und dem ursprünglichen Gedanken der Wiedereingliederung zuwiderlaufend. Zunehmend werden Institutionen mit sozialem Auftrag in Bereichen tätig, welche die Wirtschaft konkurrieren und somit mit staatlich subventionierten Zuschüssen private Unternehmen schädigen. Es gibt auch zahlreiche Unternehmen, die bewusst diese Tendenz benutzen, um Teile der eigenen Aktivitäten auszulagern und Mitarbeitende mit tieferer Qualifikation abbauen. Dieselben Arbeitsschritte werden danach fremd bei sozialen Institutionen platziert und günstiger eingekauft. Damit wird eine gefährliche Spirale in Gang gesetzt, was den Staat teuer zu stehen kommt.

Die Stiftung Wendepunkt ist ein wirtschaftliches Unternehmen mit sozialem Auftrag. Könnten Sie sich eine Zusammenarbeit mit einem Sozialunternehmen vorstellen und wenn ja, in welcher Form? Das Engagement der Stiftung Wendepunkt ist sehr begrüssenswert, insbesondere bewundere ich die Motivation und die Leidenschaft der Mitarbeitenden. Eine Zusammenarbeit zwischen dem von mir geführten Unternehmen und Wendepunkt soll an der Schnittstelle zum ersten Arbeitsmarkt erfolgen. Sobald eine Person fit für eine Tätigkeit im ersten Arbeitsmarkt ist, soll sich diese über den normalen Bewerbungsprozess qualifizieren. Umso schöner ist es danach zu sehen, dass sich die ursprüngliche Idee der Wiedereingliederung bewährt hat und zwar auch in unserem Betrieb.

Herr Giezendanner, herzlichen Dank für dieses Interview.

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Benjamin Giezendanner (36), verheiratet, Vater von zwei Kindern, wohnhaft in Rothrist, Betriebsökonom, SVP-Politiker, seit 2001 Mitglied des Aargauer Grossen Rats, im 2017 Grossratspräsident. CEO des Familienunternehmens Giezendanner Transport AG.

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Foto Header by Chris Iseli / Aargauer Zeitung

Stiftung Wendepunkt, David Fiechter

David Fiechter

Leiter Öffentlichkeitsarbeit